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Zurück zur Natur – Isar Geschichte und Zukunft

Avatar of andreas.printz andreas.printz - 15. February 2019 - Forschung, International

Von Aude Zingraff-Hamed und Gerd Lupp

Das Project PHUSICOS

Das von der EU geförderte Projekt PHUSICOS (griech.: “Naturbasiert”) wird zeigen, dass naturbasierte Lösungen (NBS) tragfähige, nachhaltige und kosteneffiziente Maßnahmen sein können, um die Risiken extremer Wetterereignisse in Gebirgslandschaften zu minimieren. Obwohl Gebirgsregionen Risiken oftmals noch verstärken - und dies umso mehr unter den Bedingungen extremer Wetterereignisse -, wird ihnen derzeit in Europäischen Katastrophenvorsorgeplänen nicht dieselbe Aufmerksamkeit zuteil wie dicht besiedelten urbanen Gebieten.     Weiterlesen -->

Die zugrundeliegende Prämisse von PHUSICOS ist, dass die Natur selbst Ideen und Lösungen zur Bewältigung der Risiken liefert, die durch klimawandelbedingte Naturgefahren entstehen. Allerdings fehlt hierfür noch ein angemessener konzeptioneller Nachweis, um speziell hydrometeorologischen Ereignissen in ländlichen Gebirgsregionen besser begegnen zu können. Das Projekt beabsichtigt daher, diese Wissenslücke in Bezug auf naturbasierte Lösungen für hydro-meteorologische Gefahren (Überschwemmungen; Erosion; Hangrutschungen; Trockenheit) zu schließen, indem ausgewählte naturbasierte Lösungen („Nature Based Solutions“, kurz NBS) an verschiedenen europäischen Pilotstandorten umgesetzt werden. Die Isar in einer dieser Pilotstandorte und wurde für sein Lernpotential im Rahmen des Projekts als „Concept Case“ bezeichnet. Das Fallbeispiel Isar dient dazu a) die bereits umgesetzten Maßnahmen und Aktivitäten näher zu untersuchen und hierdurch Lehren generieren, die für die anderen, noch weniger weit fortgeschrittenen Fallbeispiele der Projektpartner von großer Bedeutung sein können, b) Erfolgsfaktoren der Maßnahmen zu identifizieren, und c) die Übertragbarkeit diese Maßnahmen zu simulieren.

Die Isar

Die Isar entspringt im des österreichischen Teils des Karwendelgebirges (Nordalpen) und fließt nach Norden. Von Mittenwald aus fließt sie von Süden nach Norden durch Bayern und mündet bei Deggendorf in die Donau. Auf ihrem Weg durchquert sie die Großstadt München. Als typischer Gebirgsfluss ist sie von einem starken Wechsel des Wasserregimes mit regelmäßigen Hochwässern und Phasen mit extremen Niedrigwasser charakterisiert. Erste Regulierungsmaßnahmen und Uferverbaue wurden daher bereits im Mittelalter unternommen. Diese Maßnahmen wurden im 19. Jahrhundert intensiviert, um für einen besseren Hochwasserschutz der Städte zu sorgen, um Mühlen und Gewerbe mit Wasser zu versorgen und die Bedingungen für die Holzflößerei zu verbessern.
Ab 1924 wandelte sich der Charakter der Isar grundlegend mit dem Bau des Krüner Wehrs, um Wasser für das Walchensee-Kraftwerk abzuleiten. Weitere Maßnahmen waren der Bau des Sylvensteinspeichers zwischen 1954 und 1959 und insgesamt 43 Wasserkraftwerke. Auch wenn heute die Wasserkraft ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Energiewende sind und einen wichtigen Beitrag zur klimafreundlichen Energieerzeugung sind, um internationale Ziele wie dem Kyoto-Protokoll, den Pariser Klimaschutzabkommen oder der EU Richtlinie für erneuerbare Energien sind, so haben die dafür notwendigen Eingriffe in die Isar erhebliche negative Auswirkungen:

•    Verlust des alpinen Flusscharakters. Bis auf wenige Ausnahmen wie z.B der Pupplinger Aue und dem Flaucher ist der Fluss kanalisiert und ist auf vielen Abschnitten in ein Betonkorsett gezwängt;
•    Verlust der morphologischen Prozesse;
•    Verlust vieler ökologischer Funktionen und Lebensräume für typische Tier- und Pflanzenarten;
•    Verlust der Wechselwirkung zwischen Fluss und Grundwasser;
•    Abnahme der Wasserqualität und Wassermenge;
•    Fehlende Durchgängigkeit beispielsweise für Fische und aquatische Kleinlebewesen;
•    Gestörte Wechselwirkung zwischen Flussbett und umgebender Landschaft;
•    Fehlender Zugang zum Gewässer für die Erholungs- und Freizeitnutzung;
•    Erhöhte Risiken für das kulturelle Erbe, z. Brücken wurden wegen des zunehmenden Einschneidens des Flussbetts aufgrund der erhöhten Fließgeschwindigkeit und fehlendem Geschiebe instabil.

Aus diesen Gründen haben sich seit Mitte der achtziger Jahre Nichtregierungsorganisationen, Hochschulen, öffentliche und private Organisationen zusammengeschlossen, um gemeinsam und kontinuierlich für eine Verbesserung des ökologischen Zustands der Isar hinzuarbeiten. Gestützt wird dieses Bemühen auch durch gesetzliche Vorgaben und Bestimmungen wie der EU-Wasserrahmenrichtlinie.
In den letzten 30 Jahren konnten bereits einige Flussabschnitte renaturiert werden, beispielsweise im Rahmen des preisgekrönten Isarplan im Stadtgebiet von München. Die gemeinsamen Bemühungen der verschiedenen Akteure zielen darauf ab, gute Lösungen für alle unterschiedlichen Belange zu finden, dies sind neben einem verbesserten Hochwasserschutz, Verbesserung des ökologischen Zustands des Gewässers und der angrenzenden Bereiche auch die Berücksichtigung des kulturellen Erbes und der Verbesserung des Erholungswerts.

Die Isarpartner und PHUSICOS: Lernen aus der Geschichte der Isar – Gestalten der Zukunft

Am 18. Januar 2019 fand am Lehrstuhl für Strategie und Management der Landschaftsentwicklung die Auftaktveranstaltung im PHUSICOS-Fallbeispiel Isar statt. Das Symposium zielte Material und Unterstützung für die Partnerbereiche in PHUSICOS für ihre Prozesse in der Region zu entwickeln und mit den Isar-Partnern zu diskutieren, wie das Projekt ihre Arbeit in den nächsten Jahren unterstützen kann. 25 Teilnehmende von den zentralen Einrichtungen und Organisationen im Einzugsgebiet der Isar nahmen teil, etwa vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Wasserwirtschaftsämtern, vom Landratsamt Bad Tölz, WWF, von der Isar-Allianz, dem Verein zur Rettung der Bergwelt und dem Bayerischen Fischereiverein.
Zunächst stellte Roland Kriegsch vom Wasserwirtschaftsamt Weilheim in seinem Impulsvortrag aktuelle Renaturierungsmaßnahmen an der Isar vor. Ziel der vorgestellten Maßnahmen sind demnach neben Hochwasserschutz vor allem eine Verbesserung des ökologischen Zustands, Durchgängigkeit, Verminderung von Tiefenerosion durch Geschiebemanagement, Schutz der Deutschen Tamariske (Myricaria germanica) und Verbesserung der Nutzbarkeit und Zugänglichkeit für die Naherholung. Im Anschluss diskutierten die Teilnehmer die Wirkung von wichtigen Maßnahmen in der Vergangenheit aus heutiger Sicht.
In einem nächsten Schritt erarbeiteten und bewerteten die Teilnehmer am Beispiel Isar Renaturierung ein Evaluierungsschema für naturbasierte Maßnahmen, das von der Universität Neapel entwickelt wurde. Insbesondere die Verbesserung des ökologischen Zustands war dabei allen Personen ein besonderes Anliegen. Danach, haben die Teilnehmer des Isar Renaturierung in München bewertet. Der Isar-Plan wurde als besonders gelungenes Beispiel angesehen, insbesondere zur Reduzierung der Hochwassergefahren, technische Innovation, Machbarkeitsaspekte, Erhöhung der Umwelt- und Ökosystemdienstleistungen, Verbesserung für die Gesellschaft und Impulse für die lokale Wirtschaft. Der partizipative Prozess wurde dabei zentrales Element benannt, der den Isar-Plan zum Erfolg verholfen hatte. In der abschließenden Diskussion wurde über die weitere Zukunft der Isar und die Rolle im Projekt PHUSICOS gesprochen. Als wichtige Themen wurde die noch notwendige Verbesserung des ökologischen Zustands und das Geschiebemanagement identifiziert. Die Isar-Hochwasserschutzinfrastruktur wurde für ein hundertjähriges Hochwasserereignis (HQ100) als ausreichend dimensioniert eingestuft. Die Ergebnisse der Klimawandel-Szenarien weisen jedoch darauf hin, noch mehr Maßnahmen im Flusseinzugsgebiet anzugehen. Zunächst sollten Niederschlags-Hotspots weiter analysiert werden und durch lokalen Maßnahmen entschärft werden. Die Teilnehmer unterstrichen das begrenzte Potenzial für weitere naturbasierte Maßnahmen zur Reduktion der Hochwassergefahren, da an der Isar nur sehr begrenzt Flächen zur Verfügung stehenden Flächen.
Daher wurde als zentrales Handlungsfeld die Sicherung und Bereitstellung von Flächen angesehen, um der Isar mehr Raum für Natur zu geben, die auch Rückhaltepotenziale bei Starkniederschlagsereignissen bieten. Dabei wurde das gemeinsame Ziel von Akteuren betont, diese Belange vor Ort gemeinsam voranzutreiben und auf die Agenda zu setzen, damit diese Ziele umgesetzt werden können.
Die Teilnehmer wiesen auf die Bedeutung des zivilgesellschaftlichen Engagements hin, um die Wasserwirtschaftsämter in ihrem Wirken zu unterstützen, um notwendige Verbesserungen für den Fluss als zentrale Priorität auf die politische Agenda zu setzen. Die verschiedenen Akteure waren sich einig, dass das EU-Projekt PHUSICOS auf der Grundlage der Erfahrungen mit dem Isar-Plan anderen Projektgebieten aufzeigen kann, wie ziviles Engagement aktuelle Herausforderungen an die Spitze der politischen Agenda setzen kann und dies Umsetzung von naturbasierten Lösungen vorantreiben kann.

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